Ein Jahr danach – Er hat sich getötet, um uns zu retten. Oder um uns zu manipulieren?

Meine Persönliche Reflexion · Todesstrafe | 14. März 2004 | Bitsey Bloom


Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich die Kassette in meinen Händen hielt. Die Wahrheit auf einem kleinen Stück Plastik – zu spät, um irgendjemandem das Leben zu retten. David Gale war bereits tot. Und ich stand da, mit dem Beweis seiner Unschuld, und wusste nicht, ob ich weinen oder schreien sollte. Heute, ein Jahr später, sitze ich an meinem Schreibtisch und stelle mir eine Frage, die mich nicht loslässt: Hat David Gale uns gerettet – oder hat er uns benutzt?

Was Gale tat, war in gewissem Sinne brillant. Er rollte seinen Stein den Berg hinauf, wie Sisyphos es tat – jahrelang, unermüdlich, gegen ein System, das sich nicht bewegen ließ. Reden, Proteste, Petitionen: nichts hatte gereicht. Also entschied er sich für das Radikalste: Er wurde selbst zum Stein. Er warf sich in die Zahnräder der Maschine, in der Hoffnung, dass sie dadurch endlich zum Stillstand kommt. Und dabei entstand das größte Paradoxon seines Lebens: Um zu beweisen, dass der Staat Unschuldige tötet, musste er erst selbst schuldig werden.

Albert Camus hätte gefragt: Ist das Heroismus – oder ist das Aufgabe? Denn genau hier liegt der Riss in Gales Konstruktion. Camus schrieb, dass der Mensch sein Leben als das einzige wirklich wertvolle Gut betrachten muss – selbst wenn die Welt sinnlos und ungerecht ist. Sisyphos ist nicht deshalb ein Held, weil er stirbt, sondern weil er weiterlebt und trotzdem kämpft. Gale aber wählte den Tod. Er instrumentalisierte sein eigenes Leben als Beweismittel. Und damit hat er vielleicht genau das zerstört, wofür er kämpfte: die Würde des menschlichen Lebens.

Und doch kann ich ihm nicht böse sein. Wenn ich an die Gespräche durch das Trennungsglas denke, an seine ruhige, erschöpfte Stimme – dann sehe ich keinen Manipulator. Ich sehe einen Mann, der verzweifelt war. Einen Mann, der das einzige Argument gefunden hatte, das noch niemand widerlegen konnte. Und der bereit war, es mit seinem Leben zu bezahlen. War das Fanatismus? Vielleicht. War es Überzeugung? Zweifellos.

Die Frage, die mich am meisten quält, ist diese: Wäre sein Tod sinnlos gewesen, wenn ich die Kassette nicht gefunden hätte? Er hat alles darauf gesetzt, dass jemand wie ich die Geschichte versteht. Er hat seinen Tod als Inszenierung benutzt – als letzten Artikel, den er selbst nie lesen würde. Das ist nicht die Würde eines Märtyrers. Das ist die Kalkulation eines Mannes, der wusste, wie die Welt funktioniert.

Ein Jahr ist vergangen. Die Todesstrafe in Texas ist noch immer in Kraft. Kein Gesetz hat sich geändert. David Gales Tod hat Schlagzeilen gemacht – für drei Wochen. Dann kam die nächste Geschichte. Vielleicht ist das die bitterste Wahrheit von allen: Er hat alles gegeben. Und die Welt hat kurz hingeschaut – und ist weitergegangen.


Von Anton und Kajetan